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sensible Knie

Eine unerträgliche Spannung in meinem privaten Empfinden hat sich in mir manifestiert. In meiner kreativ-wissenschaftlichen Arbeit funktioniere ich akzeptabel. Auch beim Training bin ich wieder streckenweise dienlich. Im Sturm sowie in der Verteidigung.
Aber meine Gefühle sehen aus, wie gepanschte, gemixte Grütze. Meine Träume nehmen eine immer derbere Gestalt an. Ich sehe Magen- und Bein-Amputationen, vorgenommen von unlauteren, unheimlichen Chirurgen; es erinnert stark an einen sexuellen Akt und ich versuche mich von dieser Szenerie zu entfernen. Ich wache auf und fühle mich so müde wie am Abend zuvor.

Am Telefon mache ich meiner Mutter eindringlich klar, dass ich mir nichts zu Weihnachten wünsche. Kauf dir diese eine Handtasche, die dir so gefällt und kauf dem Vater neue High-Tech-Geräte. Ich wünsche mir nichts. Wenn du magst, kannst du auch eine Schönheitsbehandlung dazu kommen lassen, die du meinst zu brauchen, es stört mich nicht.
Ein seltsames Schuldgefühl löst sich von diesem Gefühlsbrei, meine Mutter soll gerne eine Diva sein, wenn sie mag. Ich will sie so sehen. Ein schöner Schein und nagelgefeilter Stolz, mit ebenmäßiger Haut, nach der sie sich sehnt. Es droht mich zerreißen. Wenn ich es könnte, würde ich ihr jede Operation der Welt bezahlen. Um ihr den Schein einer stolzen Frau zu geben, zurück zu schenken, den sie von allein nicht an sich vorfindet. Mit dem sie immer hadert.

Die Furcht vor diesen schönen, perfektionistischen Frauen nimmt zu. Je mehr ich die Schönheitsaktivitäten meiner Mutter registriere. Ich sah etwas über eine unendlich große Drag Queen auf High Heels und fühle mich absurderweise an meine Mutter erinnert. Auch vor Drag Queens fürchte ich mich also.
Vor allem, was glitzert, stolziert und seine individuelle Lebenslust in diese regnerische Welt brüllt. Was mich auch fürchtet, ist stehen gelassen zu werden, zu wissen, dass ich nicht zur schillernden, auffälligen Klientel gehöre und dementsprechend ohne einen Schirm aus Bewunderung im Regen stehe. Das alleine wäre noch nicht schwer. Nein -- selbst Bewunderung für diese anderen zu empfinden, wäre schwer. Eine namenlose Bewunderung zu hegen, als ein grauer Fan, so sieht Selbstlosigkeit bisweilen für mich aus. Als anonymer Gast den Glanz des eigenen Lebens an sich vorbeiziehen zu sehen.

Meine Knie tun empfindlich weh. Ich erinnere mich an einen Vorfall in der U-Bahn. Eine auffällige, etwas wirre Dame stieg ein. Jeder starrte sie an, auch ich. Ich beobachte sie, ihr dramatisches Punkmädchenverhalten mit vielen potentiellen Utensilien; die Stadt ist ihre Bühne, diese Bahn einer ihrer vielen Laufstege. Ich lächelte in mich rein und freundete mich gleichzeitig mit meiner Nichtigkeit an, verschränkte die Arme und war ein genialer nichtssagender Fahrgast. Als sie ausstieg, sah sie mich an und wünschte mir mehrmals einen schönen Tag, sie glotzte mir lange hinterher, strahlte, winkte mir und ich konnte nur peinlich berührt lächeln.
Ein winziges Loch im Alltag kann unvermutet auffällig sein.
Es kann eine Hoffnung nähren, die in der Realität nur eine Pfütze auf dem Gehweg ist. Dass die Schillernden sich umdrehen mögen, einen bemerken und die stille Bewunderung sichten. Dass sie verstünden, dass ihr Schillern nur auf der Netzhaut meiner bewundernden Augen existiert. Ihr Pokal nur meine Bewunderung ist, den es mit einer tiefen Verneigung zu empfangen gilt.
Meine blau befleckten Knie tun heute wirklich weh.

 

 

21.10.10 18:00
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Remedios / Website (21.10.10 18:13)
Dein Text hat mich sehr berührt, besonders der Teil, in dem du diese Furcht, die für mich oftmals nicht in Worte zu fassen ist, beschreibst. Ich weiß nicht, ob ich dich verstehe, aber ich denke, dass ich deine Gefühlswelt vielleicht ein bisschen nachvollziehen kann..

Sind wir nicht alle Gefangene hinter den Gittern der Furcht ?..

Lg

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